Auf der letzten Stadtverordnetenversammlung (SVV) dieser Wahlperiode am 13. Mai haben wir zusammen mit weiteren Fraktionen drei Anträge zur Abstimmung gebracht, die die SVV auch mehrheitlich beschlossen hat:

– Umsetzung zum Bau eines Fußball-Kunstrasenplatzes in Zeesen auf dem Gelände des FSV Eintracht KW
– Planung und Konzeption sowie Standortsuche für den Bau eines zusätzlichen zentralen Jugendhauses
– Planung und Konzeption sowie Standortsuche für den Bau eines Hauses des Sports und der Vereine.

Hier die Ergebnisse der namentlichen Abstimmungen:

  1. Kreisel, Marina sagt:

    Sehr geehrte Abgeordnete,

    ein weiterer wichtiger Punkt im Rahmen der letzten SVV sollte hier m. E. nicht ungenannt bleiben: die mehrheitliche Ablehnung der Petiton zu Schütte-Lanz. Sie kam auch durch das deutliche Nein aus der SPD-Fraktion zustande. Das Problem besteht allerdings weiter und bedarf in der nächsten SVV erneuter Behandlung. Ich gestatte mir deshalb – auch im Sinne der erfoderlichen Meinungsbildung in Ihren Reihen – den folgenden Beitrag aus der Zeitung “Junge Welt” (April 2011) zu zitieren. Gemeinsam mit dem jüngsten Abstimmungsergebnis in der SVV macht er wohl deutlich, wie schwer sich Abgeordnete und Stadtverwaltung im Umgang mit einem Teil der Geschichte unserer Kommune tun.

    “Nomen est omen
    ‘Schütte-Lanz-Gewerbepark’ weiter in der Kritik. Stadtverwaltung von Königs Wusterhausen kneift vor einer öffentlichen Beratung über die Namensgebung
    Von Werner Röhr

    In der Seenlandschaft südöstlich von Berlin liegt die 4500-Seelen-Gemeinde Zeesen. Hier fertigte während des Ersten Weltkrieges die Firma Schütte-Lanz Luftschiffe, aus denen Bomben auf die Zivilbevölkerung Londons abgeworfen wurden. Am anderen Ende Berlins, in Staaken bei Spandau, produzierte die Konkurrenzfirma Zeppelin aus Friedrichshafen am Bodensee ebenfalls solche Luftschiffe, zum Teil sogar nach den Patenten des Konstrukteurs Johann Heinrich Schütte. Der Versailler Vertrag von 1919 untersagte dann Deutschland jede Art von Luftwaffe, die Produktionshallen in Zeesen mußten abgerissen werden.

    Nach 1945 unterhielt die Rote Armee auf dem Gelände einen Reparaturbetrieb. Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen nutzte die Gemeinde Zeesen Fördergelder, um hier einen Gewerbepark einzurichten, dessen ersten Abschnitt Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe 1992 eröffnete, ein zweiter wurde im Jahre 2000 fertig. Heute beherbergt der »Gewerbepark Zeesen« gut 50 kleinere oder mittlere Betriebe.

    Als die Gemeinde Zeesen 2003 im Zuge der Gemeindereform Brandenburgs der Stadt Königs Wusterhausen angeschlossen wurde, suchte deren Stadtverwaltung nach einem zugkräftigen Namen für den Gewerbepark und setzte einen Ausschuß der Stadtverordnetenversammlung zur Namensfindung ein. Bei einem Festakt am 22. September 2007 erfolgte die Namensweihe in »Schütte-Lanz-Gewerbepark«, Ehrengast war die Kulturministerin des Landes Brandenburg und spätere CDU-Vorsitzende, Prof. Johanna Wanka.

    Ingenieur und Naziaktivist
    Wer wird da geehrt? Lanz war durch seinen Landmaschinenbau vermögend geworden, er war von Schüttes Ideen begeistert und gab das Geld für dessen Luftschiffbau. Schütte war Ingenieur, Erfinder, Professor, Unternehmer und Wissenschaftsorganisator. Als Rüstungsproduzent war er ein Kriegsgewinnler des Ersten Weltkriegs und als Berater des kaiserlichen Heereswaffenamtes ein Kriegsverbrecher. Zunächst ein kaiserlicher konservativer Nationalist und Militarist, wurde Schütte später zum Naziaktivisten. Er war seit 1928 Vorsitzender der Schiffbautechnischen Gesellschaft, nach dem 1933 eingeführten Führerprinzip schaltete er diese Gesellschaft und die ihr bald angeschlossene Luftfahrttechnische Gesellschaft gleich. Schüttes Gesellschaft vereinigte die technische Intelligenz, also die ressortspezifischen Ingenieure und Erfinder, mit den Rüstungsindustriellen und den für diese Rüstung zuständigen Politikern und Militärs. Denn Schütte war in erster Linie nicht Propagandist, sondern Praktiker, der an einer Schaltstelle half, die Weichen für die Luftrüstung zu stellen und die technische Intelligenz dafür zu mobilisieren. Die Nazis hielten ihn auf diesem Posten für so wenig entbehrlich, daß er nach dem Ablauf seiner Kadenz (eine Wiederwahl war satzungsgemäß ausgeschlossen) ausnahmsweise über das Rentenalter hinaus als Vorsitzender amtieren durfte.

    Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war es unter Waffenspezialisten und Offizieren umstritten, ob Luftschiffe oder Flugzeuge für die Kriegführung geeigneter waren. In Deutschland genossen zeitweise Luftschiffe den Vorzug, weil sie mehr Bombenlast transportieren konnten. Von den von Schütte-Lanz gebauten Kriegsluftschiffen SL 12, SL 17 und SL 21 wurden die Bomben auf London und andere Städte abgeworfen, um die britische Militärführung mit den Leiden und Opfern der Zivilbevölkerung zu erpressen. Da Schütte seine Kriegsluftschiffe stets in unmittelbarer Zusammenarbeit mit dem kaiserlichen Heereswaffenamt entwarf und baute, erfüllte er nicht nur dessen Bedürfnisse, sondern nahm selbst Einfluß auf jene Militärstrategie, die Verbrechen an der Zivilbevölkerung als Kriegsmittel für normal hielt und einsetzte. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges erwies sich das schnellere und inzwischen stärker tragfähige Flugzeug den leicht verletzbaren Kriegsluftschiffen als überlegen. Von Schütte-Lanz wurden in Zeesen 1918 auch Kriegsflugzeuge in Lizenz gebaut sowie Torpedobegleiter, eine frühe Form von Marschflugkörpern. Im Unterschied zum Landkrieg gab es für die Luftkriegführung keine kriegsvölkerrechtlichen Regelungen, was Verbrechen wie den Abwurf von Bomben aus Kriegsluftschiffen auf die Zivilbevölkerung erleichterte. Der Luftschiffbau war für Schütte ein großes Geschäft, das ihm dann die Versailler Siegermächte vermasselten.

    Nach eigenen Angaben ergriff Schütte schon 1931 Partei für die NSDAP, ohne deren Mitglied zu sein. Als deutschnationalen Militarist führte ihn der seit der Bildung der Regierung Hitler eingeschlagene Rüstungskurs auf die Seite der Nazis. Wohlgemerkt, Schütte war kein »Mitläufer«, hier ging es nicht um äußerliche Bekenntnisse zum Nazistaat und seinem Führer, sondern um einen Hauptakteur der faschistischen Luftrüstung.

    Die Stadt Oldenburg entfernte 1948 aufgrund eines Ratsbeschlusses aus dem Goldenen Buch der Stadt eine Seite mit der handschriftlichen Eintragung Schüttes. Dessen Bekenntnis war ihr nun zu peinlich geworden, denn Schütte hatte sich so verewigt: »Das Großdeutschland unseres Führers Adolf Hitler auch in der Luft voran. Oldenburg, am 26. März 1938.« 2007 wäre es durchaus möglich gewesen, ausreichende Sachkenntnis über Schütte zu erwerben. 2006 hatte Christian Salewski eine Dissertation über Schütte verfaßt, die alle für eine Urteilsbildung erforderlichen Sachverhalte enthält. Und 2010 hat das »Bündnis gegen Rechts« in Königs Wusterhausen hat eine informative und vorzüglich gestaltete Broschüre erstellt, die Schüttes Tätigkeiten im Ersten Weltkrieg und im deutschen Faschismus dokumentiert und alle zur Beurteilung seiner Person unabdingbaren Sachverhalte darstellt und deren Quellen benennt.

    Entscheidung vertagt
    Unzureichende Sachkenntnis und zu oberflächliche Prüfung der vorliegenden Fakten zu Schütte durch die Stadtväter mögen indes nicht die einzigen Gründe für die Erhebung eines bekennenden Naziaktivisten zum Namenspatron des Gewerbeparks Zeesen gewesen sein. Ihre Entscheidung basiert wohl gleichermaßen auf Bewegungen, die nicht auf Königs Wusterhausen beschränkt sind und von denen hier nur drei erwähnt seien: 1. Nachdem gegen Ende des Ersten Weltkrieges das Flugzeug das Luftschiff militärisch wie zivil so überrundet hatte, daß Luftschiffe jahrzehntelang nicht mehr produziert wurden, zeichnete sich inzwischen eine gewisse Renaissance des Luftschiffes ab, verbunden mit nostalgischem Interesse an früheren Bauten. Auf dieser Welle wird auch Schütte als Luftschiffkonstrukteur gefeiert. 2. Weit über das Luftschiff hinaus ist ein nicht nur nostalgisches Interesse an den technischen Leistungen der deutschen Luftrüstung für beide Weltkriege verbreitet. Diese werden bundesweit in Kultstätten von Peenemünde über Rechlin bis Oldenburg verherrlicht. Der Zeesener Luftfahrthistoriker Dr. Bernd-Rüdiger Ahlbrecht setzt sich dafür ein, auch Zeesen zu einer solchen Kultstätte zu machen. 3. Ob in sächsischen Städten wie Olbernhau oder im brandenburgischen Zossen lassen es Stadtverwaltungen an der notwendigen Entschiedenheit fehlen, den organisierten, öffentlich terroristisch auftretenden Neofaschisten entgegenzutreten. Sie wollen ihre Ruhe haben und glauben, diese mit Verzicht auf Widerstand erhalten zu können. Bekanntlich sind Königs Wusterhausen und sein Ortsteil Zeesen nicht frei davon. Es ist beinahe überflüssig zu sagen, daß alle drei hier genannten Richtungen durch Personen vor Ort als Lobby geltend gemacht werden.

    Auf die Kritik an ihrer Fehlentscheidung hatten die Stadtväter von Königs Wusterhausen bisher mit dem Bemühen reagiert, sie einerseits nachträglich mit historischen Fakten zu untermauern, andererseits die Leistungen Schüttes als Erfinder und Konstrukteur von seiner politischen Tätigkeit zu trennen und zu verharmlosen. Vor allem aber wollte sie die Kritik aussitzen und eine öffentliche Debatte darüber vermeiden. Nachdem die Tatsachen über Schüttes rüstungspolitische Tätigkeit für beide Weltkriege öffentlich nicht mehr geleugnet werden konnte, setzte die Stadtverordnetenversammlung für den heutigen Mittwoch, den 27. April, eine Podiumsdiskussion zur eigenen Entscheidungsfindung an – um sogleich vor den Lobbyisten der Namensgebung wieder einzuknicken, weil die Lobredner der faschistischen Luftfahrtechnik, ob aus Oldenburg oder Königs Wusterhausen, sich einer öffentlichen Diskussion über Schütte nicht stellen wollen. Hier geht es nicht um unklare Sachverhalte und auch nicht um wissenschaftliche Streitfragen, sondern allein um die politische Entscheidung über Beibehaltung oder Korrektur der Namensgebung. Alle Mitglieder der Stadtverwaltung haben die neueste Ausgabe der Dokumentation über Schütte erhalten. Hoffen wir, daß sie noch lernfähig sind und ihre Entscheidung korrigieren.

    Bündnis gegen Rechts/Königs Wusterhausen: »Wie der Traum vom Fliegen zum Alptraum wurde. Prof. Johann Heinrich Schütte. Ein politischer Lebensweg«, März 2011, 58 Seiten, 5 Euro. Zu erwerben bei: Papierladen »Papieros«, Rotdornstraße 9, 15711 Königs Wusterhausen, OT Zeesen”

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